| Mobiles Museum Vostell"
Im Dezember 1980 stellt das Kulturamt der Stadt Duisburg allen
Duisburger Kulturgruppen und Einzelakteuren, Künstler und
Künstlergruppen im das Projekt „Mobiles Museum Vostell" vor und lädt zur
Mitarbeit ein. Der Zug ist als lebende „Kunstschule" für Schulen,
Lehrlinge und diverse Bevölkerungsgruppen konzipiert, „wo Menschen mit
dem Künstler und geschulten Betreuern Erfahrungen austauschen können und
eigene Reflektionen mit einbringen können."( aus der Projektbeschreibung
von Wolf Vostell)
Rudolf Kley fragt sich, was in der Schule gelehrt werden soll, wenn man
hinter dem Lehrinhalt doch ein Fragezeichen machen muss? Ist Kunst
überhaupt lehrbar? Ist Kunst unbedingt lehrenswert? Was ist überhaupt
Kunst?" Es gibt keine objektiven Kriterien und folglich keine
allgemeingültigen Vereinbarungen, nach der man zwischen Kunst und
Nichtkunst unterscheiden könnte. Aus dem gleichen Grund kann man auch
nicht zweifelsfrei zwischen guten und schlechten Kunstwerken
unterscheiden. Den Zusatznutzen gegenüber irgendwelcher
museumspädagogischer Arbeit sieht Rudolf Kley nicht. Deshalb will er bei
seiner Aktion „Kunst ist Kohl" den Fluxus Zug mit dem Lehmbruck-Museum
verbinden und so das Gemeinsame betonen. 1000 Kinderwagen sollen Glieder
der Verbindungskette sein und von der Geburt vieler Kunstbegriffe
zeugen. Menschen sollen diese Kinderwagen vom Fluxus Zug zum
Lehmbruck-Museum und zurück im Kreis schieben, dabei lachen, fröhlich
sein, ihren Kunstbegriff auf Band sprechen und das Publikum
miteinbeziehen. Vor dem Wilhelm-Lehmbruck –Museum in Höhe des
eingelassenen Spruches „Alle Kunst ist Maß" soll aus mitgeführten
Kohlköpfen und Gips ein „Labyrinth – Museum" gebaut werden, das den
Eingang zum Museum versperrt und auf die Schwierigkeit hinweist, den
richtigen Weg zur Kunst zu finden.
Um es vorweg zu nehmen. Kley konnte für diese Aktion nicht genügend
Kinderwagen aufzutreiben. Die Zeit bis zur Aktion war doch zu knapp
bemessen. Alternativ wurden die Besucher und Künstler der Ausstellung
Duisburger Künstler in der Mercatorhalle nach ihrem Kunstbegriff gefragt
und diese Befragung per Video festgehalten. Als Dankeschön wurden sie
alle Museumsdirektor im ARTART – Museum.
Kley hat bei dieser Aktion eine Menge gelernt. Freiwillig hätte er sich
mit den verschieden Formen der Aktionskunst nicht auseinandergesetzt.
Ihn interessierte bis dahin nur die Malerei ab Impressionismus. Am Ende
der Aktion will er das Malen aufgeben und nimmt Gitarrenunterricht.
Dieser Entschluss hält aber nicht lange vor.
Rudolf Kley hat seinerzeit Aufzeichnungen gemacht, von denen wir hier
Auszüge veröffentlichen.
„Ja?Ja."
Zwei Fragestellungen haben mich zur Aktion „Kunst ist Kohl" veranlasst:
1. Wird der Zug seinem Anspruch als Kunstschule gerecht?
2. Wie ernst meint es das Kulturamt mit der Künstlerbeteiligung? Werden
die Künstler nur für die Stadtwerbung gebracht?
„Die örtlichen Künstler drängen sehr danach, ihrerseits nicht nur
angemessen, sondern sogar überrepräsentiert zu sein. Aber es gibt ganz
einfach bestimmte Dinge, wo die qualitative Kapazität örtlicher Künstler
nicht ausreicht." Kulturdezernent Schilling in einem WAZ Interview Aug.
1980. Wie geht also die Stadt mit „Kunst ist Kohl!" um.
Da ich mir vorstellen konnte, dass der Mangel an Kinderwagen das größte
Hindernis für die meine Aktion war, bat ich das Kulturamt um die
Bereitstellung der Kinderwagen. Meine Kritik an dem „Mobilen Museum
Vostell" verbarg ich nicht. Ich schrieb am 6.12.80: „Zum Thema Busse und
Bahnen, im Gegenzug ein Gegenkunstwerk...! Erhielt vom Kulturamt am 20.
Januar nur die Mitteilung, dass noch keine weiteren Informationen von
Herrn Vostell oder frau von Gottberg vorliegen würden. Dies war auch die
einzige Mitteilung, die ich vom Kulturamt erhielt. Erst viel später, am
4. August erfuhr ich, dass meine Initiative die einzige war, die aus der
Duisburger Künstlerschaft gekommen war. Da ich inzwischen auch
persönlich Kontakt zu Vostell und Frau Gottberg hatte, das Kulturamt
hiervon wusste, sah es wohl keine Notwendigkeit zu Gesprächen.
Mitte Februar informierte ich Dr. Salzmann, Direktor des
Wilhelm-Lehmbruck-Museums von meiner Aktion. Vielleicht erhoffte ich mir
von seiner Antwort soviel Zündstoff, dass mir viele Mitbürger schon aus
Protest ihre Kinderwagen überließen. Die Reaktion war gelassen:
„Selbstverständlich können Sie die Aktion hier im park vor dem Museum
machen, es müsste alles nur sorgfältig vorher verabredet werden. Was das
In-Frage-Stellen angeht, so ist dies im Museumsbereich ständig üblich.
Man kann sagen, dass sich manche Kulturinstitute sogar so sehr in Frage
gestellt haben, dass sie bis an den Rand der Auflösung gerieten."
„Kunst ist Kohl!" Immer wieder wurde ich gefragt, ob damit etwa Helmut
Kohl gemeint sei. Zur Klarstellung bat ich Helmut Kohl um die
Schirmherrschaft, der lehnte aber dankend ab.
Ostern verbrachte ich mit „Kunst ist Kohl!" und meiner Familie auf Sylt.
Hier fielen mir Beuys Buch „Jeder Mensch ist ein Künstler" und ein Buch
von Jürgen Schilling über Aktionskunst in die Hände. Auf Sylt kam mir
die Idee, Museen mit Erlaubnis der Museumsleiter zu besetzen, um
überregional auf die Aktion „Kunst ist Kohl!" aufmerksam zu machen.
Meinen Anfragen legte ich jeweils ein Aquarell bei. Da diese mit den
Antwortschreiben nicht zurückkamen, habe ich zu mindestens mit meinen
Werken die Museen besetzt.
Der Fluxuszug war aus seinen Startlöchern gekrochen und stand in
Dortmund. Auf dem Weg dorthin plakatierte ich am 2. Mai „Watt Kra iv
81"(kann auch „Watt Kreativ" geheißen haben) mit meinen Plakaten „Kunst
ist Kohl!".
In Dortmund lernte ich die Managerin des Zuges, Frau Dagmar Gottberg und
Wolf Vostell kennen. Sie hatte von meiner Aktion gehört und fand sie
gut. Wo ich die Kinderwagen herkriegen könnte, wusste sie auch nicht.
Meinen Kittel mit den aufgeklebten Plakaten stellte ich in die Ecke und
lief durch den Zug. In der Mitte des Zuges begegnete ich Vostell, der
dort sehr auf das Anliegen eines Abiturienten einging. Auf die
kritischen Bewerkungen eines anderen Besuchers ging Vostell auch ein,
ich hatte aber nicht das Gefühl, dass Vostell ihn und der Besucher
Vostell wirklich verstand. Jedenfalls stand ich daneben und hörte mir
die Monologe an. Am Ende des Zuges kam ich dann mit Vostell ins
Gespräch. „Unter meinen eifrigsten Sammlern ist auch ein Apotheker."
klingt es mir noch sinngemäß in den Ohren. Ich glaube dieser Kollege ist
aus Stuttgart. „Die Amerikaner haben eine ganz andere Lebensqualität,
ein ganz anderes Gefühl für Leben." Eine Besucherin kam mit den Messern
nicht zurecht, die aus den ausgestopften Hunden den Besuchern
entgegenstechen. „Das ist doch wohl ganz klar", meinte Vostell, „die
Natur richtet sich gegen uns." Und dann folgte ein Gleichnis, das die
Fragerin genauso verstand, wie man ihrer Reaktion anmerkte und das ich
vergessen habe. Frau Vostell kam dazu, eine freundliche Erscheinung und
ich verabschiedete mich. Draußen klebte ich noch einige Plakate.
Die nächste Station des Zuges war Aachen. Vor dem Bahnhof fand ein
Kunstmarkt statt. An den Ständen herrschte sehr mäßiger Andrang. Die
Aussteller waren meist mit sich selbst beschäftigt. Im Gegensatz zu dem
Bild, das ich von dem Vostellzug in Dortmund hatte, war lebhafter
Betrieb auf dem Bahnsteig. Die Besucher standen vor dem Zug Schlange.
Auf dem Weg dorthin hatte ich drei Dutzend Plakate geklebt, die bei den
meisten wohl in erster Linie ein Schmunzeln hervorriefen. Ich postierte
mich am Aufgang zum Fluxuszug und verteilte Handzettel, auf denen ich
die so Angesprochenen um Mitteilung ihres Kunstbegriffes bat. Um eine
ganz persönliche Stellungnahme zur Kunst und um die Teilnahme an der
Aktion „Kunst ist Kohl!" 1000 00 Handzettel hatte ich drucken lassen.
Ich wurde als Bestandteil des Zuges angesehen, die Leute fragten mich,
warum es denn vor dem Zug so voll sei, wie lange geöffnet sei, wie lange
der Zug da noch stehen würde usw. Auf meine Frage, wie ihnen der Zug
gefallen hätte, hörte ich praktisch nur ein vielseitig interpretierbares
„Ja? Ja." Als der Fluxus Zug seine Türen schloss, gingen mir auch die
Empfänger meiner Handzettel aus. Ich wollte eigentlich noch einige
Plakate kleben, aber nach einem Gespräch mit der Bahnpolizei nahm ich
lieber wieder alle ab. Man verwies mich an die Eisenbahnreklame.
Am Montag fand ich mich wieder in Aachen zur Diskussion mit Vostell ein.
Eine Videokamera war auf Vostell gerichtet, Gesprächsleitr war Dr.
Becker. Dr. Becker blockte sofort alle Fragen ab, die in etwa die
Richtung gehen wollten, ob das, was Vostell macht, Kunst ist. Er
bezeichnete dies als eine sehr unfruchtbare Diskussion. Vostell machte
deutlich, dass er sein rollendes Museum nicht als Antimuseum versteht,
sondern nur als Museum, das sich von anderen durch seine Beweglichkeit
unterscheidet. Im Verlauf der Diskussion wurde allerdings deutlich, dass
er sich selbst nicht auf den Besucher zu bewegen will. Das Motto „Der
Betrachter soll gefälligst erst einmal mein Alphabet lernen, dann kann
er mich auch verstehen!!" ist sicher kein Zeichen von Volksnähe. So ein
Spruch wirft außerdem die Frage auf, wie wichtig es Vostell überhaupt
ist, verstanden zu werden, wie ernst es ihm mit dem Projekt Kunstschule
ist. Auf diese Kritik bekam ich keine zufriedenstellende Antwort.
Auf meine Aktion in Aachen bekam ich die erste Antwort – aus Duisburg.
Auch die Eisenbahnreklame meldete sich „Wir können leider mit Ihnen eine
Vereinbarung über die Verteilung von Druckschriften „Kunst ist Kohl" zu
den von Ihnen angegebenen Zeitpunkten in den Bahnhöfen Köln, Essen und
Düsseldorf nicht treffen, um eine Beeinträchtigung von Interessen
bereits laufender künstlerischer Aktionen zu vermeiden." Damit war meine
Laufbahn als „blinder Passagier" des Fluxuszuges vorzeitig beendet.
Das nächste Treffen mit Vostell fand am 30. Mai in Bochum statt. In
Bochum war der Zug nämlich abgeladen worden. Das Spektakel fand um einen
kleinen See herum statt, der an dem Samstag Ausflugsziel über Bochum
hinaus war. Darauf wiesen die Nummerschilder der Autos hin, hinter deren
Scheibenwischer ich meine Handzettel klebte. Das erste, was Frau
Gottberg sagte als sie mich sah: „Müssen Sie den mit diesem unästhetisch
aussehenden Kittel herumlaufen?" Vostell lud mich zum Verweilen ein.
Frau Vostell besorgte ein Gläschen Wein. Trotz des Weins redeten wir
aneinander vorbei. Mir ist nur in Erinnerung geblieben „Gute Kunst ist
teuer, und die Umkehrung gilt auch!" Preise sind das Qualitätskriterium
für Kunst? Bevor ich meine Zweifel äußern konnte, stieß eine Gruppe
junger Mädchen zu uns. Abiturienten, Oberschüler, jedenfalls sehr
kunstbeflissen und engagiert fragend. Fragen und Antworten bewegten sich
für mich aber wieder auf Ebenen, die sich nicht berührten. Ich klebte
noch einige Plakate, besuchte Dieter Kahl in seiner Esszelle und ließ
mir aus dem Glas, aus dem ich getrunken hatte durch bekleben ein
Kunstwerk machen. Auf dem Nachhauseweg animierte mich noch ein
mannshocher, für ein Lagerfeuer aufgeschichteter Haufen aus Ästen zum
Bekleben. Ich dekorierte ihn mit meinen Plakaten und freute mich, das
dies wirklich unästhetisch aussah.
In der Folgezeit sah ich zu , das ich meine Handzettel noch bei anderen
Gelegenheiten loswurde, z.B. beim Flachsmarkt in Krefeld, in Köln bei
der Ausstellung Westkunst, der 800 Jahrfeier von Kaiserswerth und vielen
anderen Gelegenheiten. Wir werden sehen, ob dieser hohe Einsatz am Ende
vom Erfolg gekrönt sein wird, sich genügend Mitakteure und Kinderwagen
finden.
"Kunst ist Kohl!" (Zwischenbericht)
Zu der Aktion „Kunst ist Kohl" hat mich in erster Linie der Anspruch des
Fluxus Zuges herausgefordert, Kunstschule zu sein.
Dem Konzept des mobilen Museums kann ich nach wie vor nichts entnehmen,
das das Verhältnis der Besucher zur Kunst ändern kann. ( Das Verhältnis
derjenigen, die sich schon intensiv mit zeitgenössischer Kunst
auseinandersetzen, bleibt ohnehin unberührt.
Der Vostellschen Kunstschule stelle ich mit der Aktion „Kunst ist Kohl"
eine Schule gegenüber, die sich nicht an der Schule herkömmlicher Bauart
orientiert, sondern an den Lehrinhalten rüttelt. Kunst ist
Vereinbarungssache. Dieser Vereinbarungscharakter muss bei sehr vielen
erst einmal ins Bewusstsein gerufen werden, mit allen Konsequenzen. Die
Forderung nach Transparenz dieser Vereinbarungen, ihre gesellschaftliche
Relevanz muss massiv geweckt werden.
Es geht mir darum, einen Prozess des Nachdenkens und der Kommunikation
über Kunst bei möglichst vielen anzuregen, unabhängig davon, ob die
eigentliche Aktion „Kunst ist Kohl" stattfinden kann oder nicht. „Kunst
ist Kohl" erweist sich in diesem beabsichtigten Sinn als werbewirksame
Formulierung. Ihre Mehrdeutigkeit gibt dem Empfinden breiter
Bevölkerungskreise Recht, hinterlässt aber doch eine Restunsicherheit.
Ist diese Aktion nicht gerade die Kunst, die man ablehnt? Handelt es
sich hier etwa um einen Gang durch die Institutionen mit umgekehrten
Vorzeichen? Die Aktion macht in jedem Fall neugierig.
„Nachdem ich Ihr Faltblatt in Duisburg an meinem Wagen fand, wollte ich
es zuerst zerknittern und fortwerfen, doch der gelungenen Aufmachung
zufolge, habe ich den Inhalt kurz angelesen und er erweckte mein
Interesse für Ihr Vorhaben..." schreibt Barbara H. aus Krefeld.
Wichtige, leider nicht steuerbare Vorraussetzung für meine Aktion war
ein entsprechender Zugang zu den Medien. Die überregionalen
Kulturredaktionen verwiesen an die örtliche Presse. Um dennoch eine
breite Streuung meines Anliegens zu erreichen, schrieb ich 21 Museen an.
Eine Besetzungsaktion, mit Erlaubnis des Museumsdirektors natürlich,
sollte jeweils der regionale Aufhänger für die Presse sein.
Acht Museumsdirektoren waren von Natur aus so engagiert, dass sie mein
Schreiben erst gar nicht beantworteten. Die anderen, z.T. sehr
unterschiedlichen Reaktionen erweckten in mir das Gefühl, als ob der
Museumsbetrieb in sich kreist. Die Offenheit, die vom Museumspublikum
erwartet wird, liegt bei der Institution Museum selber nicht vor. Der
Wunsch nach weiterer Information zur Urteilsbildung kam nur in einem
Fall zaghaft auf. Mehr oder weniger rühmliche Ausnahme ist Dr. Wolfgang
Becker, Neue Galerie Stadt Aachen, Sammlung Ludwig, Tel 0241/39292.
Rühmlich deshalb, weil er mir die Besetzungsaktion erlaubte, weniger
rühmlich, weil er mir noch immer eine schriftliche Stellungnahme
schuldig ist.
„Kunst ist Kohl" wurde zwar in „Hier und Heute" erwähnt, die mit der
Aktion verbundene Absicht kam aber nicht heraus. Die Arena Redaktion lud
mich für den 11. August aus und Vostell ein, dessen verschwundener Zug
inzwischen mehr Publicity erreicht hatte, als die ganze Aktion zuvor.
Ich versuchte mich als Vostells Zugbegleiter, lernte ihn in Dortmund
kennen und traf ihn in Aachen und Bochum wieder. Die Deutsche
Eisenbahnreklame GmbH stellte mir telefonisch die Erlaubnis zum
Verteilen meiner Handzettel im Bahnhofsbereich in Aussicht, untersagte
es mir dann aber schriftlich, weil es bereits laufende künstlerische
Aktionen beeinflusst hätte. Welche wollte man mir nicht verraten.
In Aachen erlebte ich Vostell in der Diskussion. Vom Betrachter seiner
Kunst verlangt er, dass er zuvor sein, Vostells Alphabet lernen muß.
Vostell spricht allerdings nicht die Sprache, die seine Schüler
verstehen. Als Beobachter solcher Gespräche hatte ich immer das Gefühl,
dass Vostell und die Ratsuchenden aneinandervorbeiredeten. Ich
bezweifle, dass Vostell auf diese Weise viele davon überzeugen kann,
dass es für die Betreffenden überhaupt sinnvoll sein kann, sein Alphabet
zu lernen.
Meine Zweifel an der Funktion des mobilen Museums als Kunstschule wurden
nur bestärkt.
Meine Handzettel und Plakate verteilte ich im Großraum Aachen, Köln,
Düsseldorf, Bochum, Krefeld und erhielt auf meine Fragen auch Antworten.
Die erste Zuschrift erhielt ich von einem Duisburger aus Homberg, dem
ich den Handzettel bei dem Besuch des Fluxuszuges in Aachen in die Hand
gedrückt hatte. Er schrieb: „Sie sind der erste Künstler, der mich nach
meiner Meinung fragt und daher erhalten Sie auch eine Antwort von mir."
An anderer Stelle heißt es „Übrigens: an Ihrer Kohlaktion würde ich mich
beteiligen. Mir fehlt allerdings der obligatorische Kinderwagen.
Woher sollte ich die Kinderwagen nur bekommen? Die Werbeagentur Sagebiel
aus Bielefeld, die die Interessengemeinschaft des Kinderfachhandels
werbemäßig vertritt, konnte ihre Mitglieder nicht aktivieren: „Es tut
mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass aus Ihrer guten Idee, sofern
Sie meine Unterstützung bedürfen, nichts wird. Ich bedaure dies um so
mehr, da ich Ihren Vorschlag werblich gut fand."
Ich schrieb über 100 Anzeigenblätter in ganz Deutschland an und bat sie,
auf meine Aktion aufmerksam zu machen. Von einigen habe ich inzwischen
Belegexemplare erhalten. Die badische Rundschau brachte auf der
Titelseite „Zu Kleys Kunstspektakel mit Kohl und Kinderwagen hat Helmut
Kohl abgesagt." Grund genug für mich, Franz Josef Strauß darum zu
bitten, im Bayernkurier auf die Aktion einzugehen.
Weder die Firma Toyota („Nichts ist unmöglich!") noch andere Firmen
konnten mir Kinderwagen besorgen.
Ich habe noch nicht alle Zuschriften persönlich beantworten können.
Bisher habe ich allerdings die 1000 Mitakteure und die entsprechende
Anzahl Kinderwagen noch nicht zusammen. Vielleicht kommen aber noch bis
zum 30. August noch genügend dazu. Für alle Fälle habe ich mich mit dem
Ordnungsamt wegen der Genehmigung in Verbindung gesetzt. Das Kulturamt
will mir nach Kräften helfen.
„Kunst ist Kohl" hat eine Menge mit dem erweiterten Kunstbegriff zu tun.
In der Diskussion mit Beuys empfand ich es als Mangel, dass dieser
Begriff keinen eigenen Namen hat. Beuys Aufforderung, es besser zu
machen, habe ich direkt in die Praxis umgesetzt und dem erweiterten
Kunstbegriff den Namen „ARTART" gegeben. Die Künstlergruppe ARTART
illustriert diesen Begriff.
Als Alternativaktion, die alle Erfahrungen mit „Kunst ist Kohl" enthält,
wird sicher von mehr als 1000 Besuchern des Festes in der City am 12.
und 13. Sept. 1981 das „ARTART - Museum" gebaut. Es ist das erste
Museum, das „Kunst ist Kohl" so klar vor Augen führt. Es ist hypermobil,
wenn die Besucher daraus Schwalben machen und übertrifft insofern auf
jeden Fall Vostells mobiles Museum.
Sinn des „ARTART – Museum" ist es, auf weiterführende Literatur
aufmerksam zu machen und den Begriff ARTART einzuführen. Engagierte
Zeitungen und Anzeigenblätter können diesen Bauplan in Originalgröße
abdrucken und auf diese Weise vielleicht in die Kunstgeschichte
eingehen. Es wäre das erste Mal, dass Kunst eine volkstümliche
Verbreitung fände. Oder Kohl?
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