Gedanken von Rudolf Kley zur Ausstellungseröffnung
"Jeder Mensch ist ein Placebo!" am 22.12.1996 in der Galerie77 in
Duisburg - Meiderich.
Ist das Thema Gesundheit überhaupt ein Thema für die Kunst?
Auf der Spielwiese des Problemfeldes „Umweltschutz" tummeln sich schon
lange Künstler. Künstler treten für den Gewässerschutz ein (z.B. Beuys
83 Spülfeld Altenwerder, hochgiftiger Elbe -und Nordseeschlamm) oder
pflanzen Bäume (Beuys 1982 Kassel, Stadtverwaldung statt
Stadtverwaltung) Heute wäre Beuys sicher auch „Gesundheitskünstler".
1981 hat Beuys zu mir gesagt: "Mach Du es!" (belegt z.B. durch Artikel
und Leserbrief Rheinische Post, Nordanzeiger. Ich hatte den Kunstbegriff
auf die Handelsware reduziert und Beuys vorgeschlagen, dem erweiterten
Kunstbegriff einen Eigennamen zu geben, in dem der Begriff Kunst nicht
mehr auftaucht. Dann würden auch die Mitbürger nicht länger verschreckt
und öffneten sich seinen Ideen!)
Identität von Kunst und Leben heißt erst recht Identität von Kunst und
Beruf. Ein Glücksfall für die Kunst, dass hier zum künstlerischen Thema
Gesundheit noch der erforderliche Sachverstand kommt.
Personalunion Apotheker/Künstler, was es zu beachten gilt!
Als Künstler darf ich das sagen, was für den Apotheker immer eine
Gratwanderung ist. Die Berufsordnung verbietet schon die Duldung von
Berichten mit werbenden Charakter für die berufliche Tätigkeit. Einen
Konflikt sehe ich nicht, denn mit dieser Ausstellung/Aktion werbe ich
nicht für den Apothekerberuf (obwohl sich auch dessen Nützlichkeit hier
ableiten ließe), sondern dafür, dass der Mensch seine
Selbstheilungskräfte endlich voll ausschöpft. Einen Konflikt sehe ich
auch deshalb nicht, weil unser Kammerpräsident Rudolf Mattenklotz selbst
den thematischen Vorläufer, meine Ausstellung „Nur Arzneimittel sind
Arzneimittel", 1994 eröffnet hat. Ein Kollege in Marburg, Dr. Georg
Huesmann, ist noch weiter gegangen. Er hat fragwürdige Produkte als
„Scheiß des Monats" an den Pranger gestellt. Jetzt gefährdet ein
Schadensersatzprozess seine Existenz. Anfang des Jahres habe ich für
diesen Kollegen ein Spendenkonto eingerichtet: "Rettet Dr. Huesmann!"
und den fast 400 Spendern -Kollegen, Studenten, Hochschullehrern- ein
Unikat von mir als Spendenquittung angeboten. Auch „Rettet Dr. Huesmann"
Bilder sind in der Ausstellung zu sehen.
Gesundheit schon immer auch außerberuflich ein Thema!
Malen, kreative Freizeitbeschäftigung ist gesund und hält gesund.
Gründung der Kulturwerkstatt Meiderich und des Meidericher Kunstmarktes
1978 als Institutionen, die zur Selbstentfaltung ermutigen sollten. Seit
„Kunst ist Kohl" (1981)weise ich auf den Vereinbarungscharakter von
Kunst hin. Seit meinem 40. Geburtstag führe ich die Luftpumpe als
Qualitätsmaßstab für Kunst ein. Ab meinem 50. Geburtstag (22.12.96)
werde ich mich verstärkt der „Luft" in Pillen widmen.
Über meine Ausstellungen und Aktionen weise ich darauf hin, dass die
freie Entfaltung wichtig ist, nicht Gedanken und Kunstmaßstäbe anderer
Leute. Es gibt nichts Verbindliches, Objektives in der Kunst. Nur das,
was man vor sich selbst akzeptiert, zählt. Mit der Luftpumpe habe ich
auch 1989 im Rahmen einer Bürgerinitiative Dampf gegen die Verarbeitung
hochgiftiger Filterstäube im Wohngebiet gemacht und bei der Universiade
Besucher unter „Filterstaubschutzmasken" vor dem Stadion fotografiert.
Auf der Grundlage der Fotos entstand Malerei. Makaber, dass ausgerechnet
der Präsident der „Gesellschaft für humanes Sterben" eines dieser Bilder
bei einer Ausstellung in Düsseldorf gekauft hat. Seitdem ich dann
tatsächlich auf den Hund gekommen bin, glaube ich auch fest an den
therapeutischen Stellenwert der Vierbeiner und setze mich für einen
vernünftigen Umgang mit dem Hundeproblem in der Stadt ein. (Gründung der
Interessengemeinschaft der Hundesteuerzahler Duisburg e.V.)
Seit 1994 beschäftigt mich die Heilkraft der Farben. Die AOK unterstützt
mich bei einer Befragung diesbezüglich. Was Medikamente ohne Wirkstoff
in uns bewirken, muss Farben erst recht gelingen. (Zitat aus der
Einladung zu „Placebo")Wer mir zum 50. Geburtstag einen großen Gefallen
erweisen will, braucht nur diesen Fragebogen auszufüllen.
Eine Hauptaufgabe gesundheitlicher Aufklärung habe ich immer in der
Korrektur der Erwartungshaltung der Patienten gegenüber der
Leistungsfähigkeit von Arzneimitteln gesehen. Das Erscheinen der ersten
„Bitteren Pillen" 1983 habe ich wohl damals als einzigster in der
Fachöffentlichkeit begrüßt. Die Zuschrift eines Kollegen habe ich durch
Zufall wiedergefunden. Der Brief ist Teil der Ausstellung.
Weiter sind in der Ausstellung -als Bindeglied zwischen Pharmazie und
Kunst- zu sehen: ein von mir gestalteter Handzettel „Wer jetzt krank
wird, kann sich gleich erschießen". Den hatte Blüm damals in der
Tageschau empört herumgeschwenkt, der Bericht im Stern über den Kollegen
Dr. Huesmann „Hundescheiße in Kapseln!" Ein Artikel über den längsten
Beschwerdebrief an Minister Seehofer „Weil Du arm bist, musst Du eher
sterben!" Das Placebo-Test-Gerät: „Jeder Mensch ist ein Placebo!" und
die zugehörige Urkunde. (Formulare des „RHK-Placebo-Test" sind gegen
Unkostenbeitrag erhältlich(3 DM in Briefmarken, Anforderung an die
Galerie 77, Bahnhofstraße 157, 47137 Duisburg)
„Bittere Pillen" völlig wirkungslos! Ratgeber (1,6 verkaufte Exemplare,
unzählige Lizenzausgaben) wird kaum benutzt!
Das Patientenverhalten beweist dies in der Praxis, einen zusätzlichen
Beweis führen die Verfasser (Ausgabe 96/98) selbst an: „Im Durchschnitt
konsumiert jeder Deutsche pro Jahr rund 1250 Pillen, Kapseln Zäpfchen
oder Tropfen. Da etwa ein Viertel aller Arzneimittel von fragwürdigem
Wert ist, bedeutet dies sinnlos ausgegebenes Geld und ein unnötiges
Risiko von Nebenwirkungen." Widersprüchlich ist, dass auf der anderen
Seite der Einsatz von Placebos, Scheinmedikamenten, oder Pseudoplacebos,
-enthalten fragwürdige Wirkstoffe, Nebenwirkungen aber nicht bekannt -
in bestimmten Fällen als sinnvoll erachtet werden, wo diese doch
letztlich nur Selbstheilungsprozeße in Gang setzen oder unterhalten.
Warum wird das so akzeptiert? Warum schafft gesundheitliche Aufklärung
dies nicht? Warum hat diese Aufklärung bis jetzt noch nicht
stattgefunden? Weil man sich an die Placebos so gewöhnt hat? Weil die
Gesellschaft „placeboabhängig" ist, sich gerne selbst betrügt? Weil sich
auch an Placebos gut verdienen lässt? Weil der Patient erwartet, dass
sich die ärztliche Leistung auf jeden Fall in einer Verschreibung
dokumentiert, der Arzt dieses Ritual befolgt, um den Patienten
zufriedenzustellen, aber dann etwas möglichst nebenwirkungsfreies
verschreiben will? Zugegeben, in der Arzneimittelprüfung wird man auf
Placebos im Doppelblindversuch wohl nicht verzichten können, aber
brauchen wir die suggestiven Wirkungen von Medikamenten oder
Behandlungsmethoden wirklich in der Praxis? Warum sollte nicht der
gleiche Effekt dadurch erzielt werden, dass man selbst ganz fest an die
Heilung glaubt? Der Arzt kann diesen Glauben auch ohne Rezeptblock
anstoßen, der Apotheker muss keine Placebos oder „Wellness-Produkte" im
Bereich der Selbstmedikation verkaufen, wenn seine produktneutrale
Beratung anderweitig honoriert wird! (Warum testet man nicht das Placebo
gegen den „Placebo Mensch"? Gewisse Ansätze in diese Richtung werden von
der Psychoneuroimmunologie verfolgt, die die Zusammenhänge zwischen
Seele, Stimmungslagen und Immunlage untersucht.)
„Jeder Mensch ist ein Placebo!" Wird dieser Satz von allen Menschen
verinnerlicht und umgesetzt, geht von ihm nicht nur ein Erdbeben auf
unserem Gesundheitsmarkt aus! Erst in dem Augenblick, in dem wir
wirklich registrieren, welchen Beitrag unser Körper für unsere
Gesundheit leistet und wo die Grenzen der Leistungsfähigkeit von
Arzneimitteln liegen, geben wir der Prävention und damit unserem
Gesundheitssystem eine echte Chance.
Warum fällt selbst dem Fachmann der Durchblick auf dem Arzneimittelmarkt
schwer? Welche Hilfe kann der „RHK-Placebo-Test" bringen?
Kranke Menschen brauchen Hilfe und sind für jeden Schwachsinn der
Werbung empfänglich. Kranken und Gesunden ist gemeinsam, daß sie sich
nicht vorstellen können, dass sich noch Arzneimittel auf dem Markt
befinden, deren Wirksamkeit und Nutzen aber auch deren Unschädlichkeit
nie wissenschaftlich nachgewiesen wurde. Kein Mensch kann heute glauben,
dass bis 1961 jeder x -Beliebige ohne jegliche Ausbildung dazu in seiner
Waschküche Arzneimittel herstellen und Großhandel mit ihnen betreiben
durfte (Ausnahme Sera, Impfstoffe und Betäubungsmittel!) Eine
Wirksamkeit musste der Betreffende zu dieser Zeit nicht nachweisen.
Solche Mittel sind heute noch im Handel und können u.U. bis 2005
ausverkauft werden. Erst seit 1978 verlangt der Staat den Nachweis der
Wirksamkeit und Unbedenklichkeit.
Die Entwicklung des Arzneimittelmarktes seit 1978 stellt sich wie folgt
dar (Quelle Deutsche Arzneimittelkommission) Bis zum 30.06.78 erfasst
145.000 Arzneimittel, bis zum 31.12.1988 aus dem Markt genommen 19.000
Arzneimittel, bis zum30.4.1990 Verzicht aus Nachzulassung (Abverkauf bis
31.12.92) 65.000 Arzneimittel. Restmarkt „Alt"-Arzneimittel am 1.1.93
folglich noch 61.000 Arzneimittel, davon 36.000
Anträge auf Nachzulassung und 25.00 Anträge auf Nachregistrierung (Homöop.AM)
Stand „Alt"-Arzneimittel 1995(nachzulassungspflichtig Okt.1995 32.418
Arzneimittel.
„Das AMG 76 sah ursprünglich vor, dass die Nachzulassung, insbesondere
die Wirksamkeitsprüfung auf Basis der durch Aufbereitungskommissionen
zentral und stoffbezogen zu erstellenden Aufbereitungsmonographien,
veröffentlich im Bundesanzeiger, erfolgen sollte." Diese Arbeit wurde
von Aufbereitungskommissionen verrichtet. Im Rahmen der 5. AMG-Novelle
hat der Gesetzgeber nun das Aufbereitungsverfahren eingestellt. Die
Hersteller, die bis zum 31.12.96 auf eine Nachzulassung verzichten,
dürfen ihre Produkte noch bis zum 31.12.2004 vermarkten, ohne das die
für die behaupteten Wirkungen jemals der Beweis erbracht wurde. Für
„traditionell verwendete" Arzneimittel wurde ein erleichtertes
Zulassungsverfahren geschaffen, in dem eine vom BMG berufene Kommission
stoffbezogen oder auch bezogen auf Stoffgemische Indikationsansprüche
definiert, was nicht mit einem Wirksamkeitsnachweis verwechselt werden
darf.
Die Bewertung von im Nachzulassungsverfahren befindlichen Arzneimittel
ist nur möglich, soweit eine positive Aufbereitungsmonographie vorliegt
oder es einen „negativ" bewerteten Stoff enthält. Es gibt keine Liste
der Arzneimittel, die unter die „2004-Regelung" fallen. Es existieren
sicher theoretisch unterschiedliche Gründe, auf eine Nachzulassung zu
verzichten. Eine pauschale „negativ" Bewertung muss deshalb nicht
zutreffen. Häufig dürfte es sich bei diesen Arzneimitteln wohl um aus
wissenschaftlich Gründen nicht nachzulassungsfähige Arzneimittel
handeln. Die Werbung stellt das auch bei umstritten Arzneimitteln ganz
anders dar.
Umstritten ist die Deutung pharmakologischer, messbarer Wirkungen im
Sinne klinischer Wirksamkeit. Daraus resultier ein Expertenstreit. „Die
Ursache in den z.T. stark divergierenden Beurteilungsergebnissen liegt
in dem Umstand, dass Nutzen-Risiko-Beurteilungen sowie Wirksamkeit nicht
streng objektiven naturwissenschaftlichen Gesetzen unterliegen, auch
wenn ausgefeilte biometrische Methoden angewendet werden. Es geht immer
eine gewisse Subjektivität der die Ergebnisse erarbeitenden
Wissenschaftler sowie der externen, beurteilenden Experten in die
Bewertung ein. Nicht selten ist auch die Definition des zu erreichenden
Therapieziels (Nutzen) Gegenstand kontroverser Diskussionen, z.B. bei
Nootropika, externen Antirheumatika oder Expectorantien." Z.B. ist trotz
statistisch signifikanter Unterschiede ist die klinische Wirksamkeit
fraglich, wenn die sich die Gehstrecke bei Patienten mit Claudicatio
intermittens gegenüber Placebo um 27 Meter verlängert. Studien, die nur
so von methodischen Mängeln strotzen (Symptombeurteilung nicht durch den
Patienten, keine objektive Beurteilung der Erkrankung, nachträglicher
Ausschluss von Personen) sollen bei einem anderen Medikament die
Wirksamkeit beweisen. Die Mängel verstecken sich hinter beeindruckenden
Hochglanzwerbebroschüren. Schon die Süddeutsche Zeitung hat 1980 von den
Nöten des Arztes mit Arzneien berichtet. Angaben über die Wirksamkeit
sind für den verschreibenden Arzt kau m nachprüfbar. Der medizinische
Laie, der Patient ist der Werbung ganz ausgeliefert. Mit der Reduktion
der Kassenleistung werden Selbstmedikation und diese Werbung
überproportional zunehmen. Wer schützt den Verbraucher? Nicht umsonst
fordert die Werbung lediglich dazu auf, Arzt und Apotheker nur nach dem
Risiko und den Nebenwirkungen zu befragen, nicht etwa danach, ob die
versprochene Wirksamkeit auch zutrifft. Zweifel in diese Richtung kann
jetzt erstmalig der „RHK-Placebo-Test" umfassend zerstreuen oder
bestätigen. Oft kranken andere Ratgeber daran, dass genau das
Arzneimittel oder auch Nahrungsergänzungsmittel, über das man sich
informieren will, das aktuell beworben wird, nicht besprochen wird. Der
einzige Haken, um Schadensersatzprozesse abzuwenden, muss die
Stellungnahme des Herstellers abgewartet werden. Keine schnelle Lösung
also, aber gut heute schon zu wissen, was einem morgen nicht hilft!
Aufgeräumt werden muss auch mit vielen Mitteln aus dem Grenzbereich der
Esoterik. Lobenswert die Bemühungen des Stern(43/96), dem „Hokuspokus"
den Kampf anzusagen. In dem Artikel wird auch schweres Geschütz gegen
die „Bach-Blüten" aufgefahren. „Seit Anfang der 80er boomt das
Geschäft." „Sein Massenerfolg basiert auf einem idyllischen
Missverständnis, Viele denken, sie nähmen Auszüge von Blüten ein, die am
Rande eines Bächleins gedeihen. Doch die Tropfen enthalten nachweislich
keine Spur irgendeinen Wirkstoffs." „Die meisten Mediziner sehen beim
Namen Bach rot. „Tiefstes Mittelalter" und ein „in sich geschlossenes
Wahngebäude" erkennt darin Prof. Knut-Olaf Haustein" "Dr. Hopf von der
Ärztekammer Nordrhein "Wie viele zusätzliche Leiden werden ernsthaft
erkrankten Menschen durch Vertreter dieser Methoden zugefügt"
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