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Rudolf Kley schildert hier, wie
es zu seiner Aktion "Kunst und Kielgeschichte. So oder so!" gekommen
ist:
"Irgendwann im Spätsommer oder Herbst 1985 bin ich über eine
Ausschreibung der Stadt Kiel gestolpert. "Künstler machen
Kielgeschichten". Das erinnerte mich stark an meine "Stattgeschichte".
Ich witterte Stadtwerbung, Jury und noch einige andere kunstferne Dinge.
Also forderte ich kurzerhand die Ausschreibungsunterlagen an. "Leider
ist unsere Pressemeldung etwas zu früh herausgegangen - an dem Material
für die Ausschreibung wird noch gearbeitet". Einige Wochen später kamen
die Unterlagen. Die Künstler sollten die Bürger der Stadt Kiel in
"ungewohnter", nämlich in "künstlerisch-gestalterischer Form" mit der
Geschichte ihrer Stadt konfrontieren. Das Publikum sollte in den
Gestaltungsprozeß einbezogen werden. Allen künstlerischen Konzepten, die
gezielt darauf angelegt waren, Phantasie und Reflexionen anzuregen, zu
provozieren, den Dialog herauszufordern, sollten bei der Juriehrung
bevorzugt werden. Es lag eine umfangreiche Materialsammlung zur
Geschichte Kiels dabei. Unter anderem wurden hier bestimmte
Örtlichkeiten herausgegriffen und dem Leser in wertender Form Anregungen
gegeben.
Vielleicht war es von mir übertrieben, dies als eine Bevormundung
anzusehen. Es passte aber in mein Bild von dieser geplanten
Veranstaltung. Auf die Gefahr hin, das Thema zu verfehlen, überschrieb
ich meine Aktion mit "Kunst- und Kielgeschichte". In einem zweiten
Anlauf fügte ich noch das "So oder so!" hinzu.
Mein Stadtbild sollte zeitgemäß sein. Menschen machen Geschichte. Die
stummen Zeugen Kieler Geschichte wollte ich durch eine Menschenkette in
unsere Gegenwart holen. Im herkömmlichen Sinn verbindet man mit dem
Begriff Stadtbild zuerst, wenn nicht ausschließlich, die gemauerten
Straßenzüge. Mich aber interessieren die Menschen, die in diesen Häusern
wohnen, und ihr Verhältnis zu ihrer Stadt. Wie sie ihren Lebensraum
annehmen, wie sie ihn formen. Ob sie sich öffentlich zu ihrer Stadt und
ihrer Geschichte bekennen. Welchen Schritt sie wagen, wie weit sie
gehen. (Damit meinte ich auch die Bürger, die diese Stadt verwalten!)
In der Ausschreibung wurde eine Beteiligung der Bevölkerung während der
Aktionswoche gewünscht. Ich ging darüber hinaus und bezog die
Bevölkerung sofort mit ein und ließ mir aus Kiel Fußabdrücke schicken.
Die Fußabdrücke wollte ich sammeln, alphabetisch ordnen und am Ende die
dazugehörigen Menschen darauf stellen. Eine Menschenkette für eine
Stadt! Verbrüderung, Frieden im Kleinem vor einer historischen Kulisse,
die manchen Krieg gesehen hat. Ein einmaliges, bewegendes Ereignis.
Viele Momentaufnahmen dieser Menschenkette sollten zu einem wahrhaft
historischen "Stadtbild" zusammengefügt werden.
Vor diesem Stadtbild sollte ein flaches Tonbett mit einer Plastikfolie
abgedeckt und auf diese Weise die Fußspuren der Bildbetrachter fixiert
werden. Das Tonbett sollte das Fundament eines Denkmals sein, in das die
Fußabdrücke aufgerollt eingemauert wurden.
Die Presse spielte mit und berichtete ausführlich über meine
künstlerischen Absichten. Aufgrund der Zeitungsberichte erhielt ich auch
die gewünschten Fußabdrücke. Dazuschrieb ich auch viele
Einzelpersönlichkeiten an, die wiederum sehr positiv darauf reagierten.
So sandte mir auch der Stadtpräsident Schmidt-Brodersen seinen
Fußabdruck. Dass meine Brief nicht im Papierkorb landeten, bewies mir
die Reaktion des Kulturreferenten Dr.Pfeiffer: "Da nahezu alle von Ihnen
angeschriebenen Personen und Institutionen bei uns zurückfragen, was es
mit Ihrer "Kunst - und Kielgeschichte, so oder so!" auf sich hat, werden
wir diesen der Einfachheit halber eine Ablichtung vorstehenden
Schreibens zur Kenntnis geben."
Aber ich beließ es nicht bei den Stapeln von Fußabdrücken, sondern bat
in einem weiteren Anlauf die Kieler Bevölkerung über die Presse und
persönliche Anschreiben um die Zusendung von den dazu gehörigen Schuhen.
Nicht, weil ich etwa Fußangeln für "die Kunst" auslegen wollte.
Stolpersteine für meine Idee wollte ich errichten, damit sie nicht in
Vergessenheit geriet. Tatsächlich bekam ich auch viele Schuhe
zugeschickt. In einigen Fällen ging ich der Frage nach, wieso Leute in
Kiel, die mir völlig fremd waren, Mühen und Kosten nicht scheuten, um
Ihre Schuhe bei mir zu entsorgen. An ein stundenlanges Gespräch mit
einem pensionierten Lotsen erinnere ich mich noch ganz gut. Es war
einfach die Neugier, die ihn trieb und auch der Wunsch, bei etwas ganz
Außergewöhnlichem, Einmaligen dabei zusein.
Einen Teil der Schuhe habe ich auf dem Kunstmarkt in Meiderich angemalt.
Dort erhielt ich auch eine Einladung zu einer Aktion in Orsoy. Nach dem
Motto "Neues zur Identität von Kunst und Leben. Jeder Furz ist Kunst:
deshalb ist jeder Mensch nein Künstler!" sagte ich augenzwinkernd allen
Herstellern vom Arzneimitteln gegen Blähungen und Darmstörungen - den
modernen Bilderstürmern - den Kampf an. Das machte ich mit der
Luftpumpe. Unter dem Beifall des Publikums pumpte ich frische Landluft
in die Kieler Schuhe und ließ den Kunstmief heraus."
Erläuterungen zu meiner Aktion in Kiel
(Duisburg - Meiderich, den 8. 1. 1986)
"Kunst und Kielgeschichte. So oder so!"
1983 habe ich anlässlich der 1100 Jahr - Feier der Stadt Duisburg eine
über 1100 Meter lange Bildfolge gemalt. Sie zeigt in Einmeterstücken die
Entwicklung meiner Malerei auf dieser Länge. Die Aktion habe ich als
Plädoyer für die Freiheit meiner Malerei verstanden: das Bild sollte
Stadtgeschichte machen ( hat es auch durch die über 200 teils
überregionalen Veröffentlichungen, u.a. Guinness Buch 86 ) und diesen
kleinen und objektiv gesehen vielleicht auch wenig wichtigen Teil
Duisburger Stadtgeschichte durch seine Existenz illustrieren. Es hat
mich gereizt, Stadtgeschichte zu malen, ohne dass sich meine Malerei dem
Illustrationszweck unterordnet.
In Kiel möchte ich an diese Aktion anknüpfen und der Stadt Kiel ein
besonderes Bild widmen, das ebenfalls Geschichte machen soll. Die Kieler
Bevölkerung möchte ich aktiv an dem Entstehungsprozess beteiligen. Als
Mitakteure können Kieler Bürger den Prozess der Geschichtsbildung
bewusst erleben und die Erfahrung mitgestalten, dass Geschichte heute
gemacht wird und nicht morgen, wir heute die Verantwortung für das
tragen, was morgen Geschichte sein wird.
Eine Menschenkette soll die geschichtsträchtigen Orte in Kiel verbinden.
Die Demonstration des Einstehens für Kiel wird in vielen Momentaufnahmen
fotografisch festgehalten. ( Für einen Augenblick nimmt das Stadtbild
Kiels neue, im wahrsten Sinne des Wortes, menschliche Züge an.) Die
Fotografien ergeben zusammengesetzt ein einmaliges und in sich völlig
neues Stadtbild, das für Kiel wirbt.( Das Verhältnis Kunst/Stadtwerbung
reizt mich eben auch! )
Wie lässt sich dieser „Wunschtraum" realisieren? Durch eine Vielzahl von
Veröffentlichungen wird die Bevölkerung auf die Teilnahme an dieser
Aktion vorbereitet. Besonders interessierte Bürger können sich in Form
der Fußumrisse, die sie mir senden, eine Teilnehmerkarte selbst
ausstellen und werden von mir zu Helfern " ausgebildet" . Es ist nicht
wichtig, dass alle potentiellen Teilnehmer dies tun. Vielmehr kommt es
darauf an, dass zu einem bestimmten, aus dem Gedächtnis nicht zu
verdrängenden Zeitpunkt die Bevölkerung spontan positiv im Sinne der
Aktion reagiert, d.h.:Die geschichtsträchtigen Orte werden durch eine (
teils dauerhafte? ) Spur verbunden. Zum vorgegebenen Zeitpunkt sind zwei
Reaktionsvarianten denkbar:
a) Die Vorbereitung war unzureichend. Die Jury hat vielleicht die Aktion
abgelehnt. Folglich keine oder mangelhafte Unterstützung durch die
Stadt. Der Verkehr fließt wie immer durch die Straßen. Menschen bleiben
nur in kleinen Gruppen längs der Spur stehen und werden von mir vor der
Kieler Stadtkulisse fotografiert.
b) Die Jury ist begeistert, die Stadt zieht mit. Bekanntmachungen an
allen Anschlagsäulen weisen auf die Aktion hin. In jedem zweiten
Schaufenster hängt ein Plakat mit Hinweisen, wie man sich zu dem
vorgesehenen Zeitpunkt an der Aktion beteiligen kann. Handzettel werden
verteilt. Ganze Schulen machen mit. Hobbyfotografen melden sich
scharenweise, so dass eine Aufnahme der gesamten Menschenkette von
vielen verschiedenen Standpunkten zu gleicher Zeit möglich ist. Für
einen Augenblick ruht andachtsvoll der Autoverkehr. Polizisten ermutigen
Autofahrer zur Teilnahme an der Aktion, statt in den Autos herumzusitzen
und sich das Schauspiel anzusehen. Wildfremde Menschen kommen ins
Gespräch über ihre Stadt, reichen sich die Hände, umarmen sich.
Volksfestcharakter! Helfer, die ihre Teilnahme an der Aktion durch
Zusendung ihrer Fußumrisse früh bekundet hatten sorgen für einen
geordneten Ablauf der Aktion. Soweit die Bereitschaft bei den
Mitakteuren besteht, notieren die Helfer auch ihre Personalien, um die
Dokumentation über diese Aktion möglichst umfassend zu gestalten.
Natürlich nehmen auch Mitglieder der Landesregierung und des
Stadtparlamentes an der Aktion teil. Ihre Absicht, auch auf künstlerisch
gestaltete Weise für die Stadt Kiel einzutreten, hat viel dazu
beigetragen, Vorurteile bei der Bevölkerung abzubauen. Natürlich muss
diese Aktion dann auch ein Denkmal erhalten. Wie dieses aussieht, ist
eigentlich eine zweite Aktion. Sie sollte sich am verlauf der ersten
orientieren. Wobei meine in meinem ersten Anschreiben geäußerten Ideen
durchaus, entsprechend modifiziert, übernommen werden können. Deshalb
ist es notwendig, zur Beurteilung dieses Konzeptes auch meine erste
Reaktion auf die Ausschreibung heranzuziehen.
Dürfen auch „Nichtkieler" an dieser Aktion teilnehmen? Natürlich Ja! Die
Tatsache, dass die Aktion überregional angekündigt wird, soll erstens
auf die Kieler Bevölkerung zurückwirken, sie von der Bedeutung der
Teilnahme an dieser Aktion überzeugen, aber auch auswärtige Kieler (
z.B. in Kiel Geborene) und sich Kiel besonders zugehörig Fühlende ( z.B.
ehemalige Kieler Einwohner) erreichen, sie zu einem Besuch der Stadt
Kiel zum Zeitpunkt der Aktion motivieren und zu der Teilnahmen
animieren. Auswärtige Teilnehmer, sollten die Teilnahme an der Aktion,
durch Zusendung ihrer Fußumrisse in jedem Fall anmelden ( an meine
Anschrift) damit sie besonders betreut werden können.
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