Die Berichterstattung in der Duisburger Presse
erweckte oft den Eindruck, als ob die verantwortlichen
Redakteure nur das Konzept der Stadt für stichhaltig hielten oder keine
Alternative zu diesem Konzept sahen. Die folgenden Beiträge von Johannes
Stumpf, Architekt in Berlin, sind nachhaltig denen zur Lektüre
empfohlen, die in irgendeiner Weise an der Entscheidung, die
Mercatorhalle abreißen zu lassen, mitgewirkt haben. Sie haben es in
Kenntnis der folgenden Argumente getan. Wir werden sehen, wem die
Geschichte recht gibt. Zunächst ein Leserbrief von Herrn Stumpf, Betreff:
Mercatorhalle, Artikel von Mike Michel vom 16.03.2001
"Ich verfolge nun schon seit einiger Zeit die Diskussion
um den Erhalt der Mercatorhalle und das Casino-Projekt. Gerade in den
letzten Tagen erscheint es mir, als hätten die Duisburger einschließlich
ihrer Ratsherrn komplett den Kontakt zur Realität verloren.
Warum?
Nun, zuerst ist da mal die Tatsache, dass scheinbar kein Mensch mehr
ernsthaft fragt, ob denn das Projekt "Casino-Liner" oder wie auch immer
man es nennen will, wirklich nur am Standort der Mercatorhalle zu
realisieren ist... Und das, obwohl es in der Innenstadt doch reichlich
gut angebundene Brachflächen gibt, die entwickelt werden könnten (z.B.
An der Steinschen Gasse vor der Marienkirche).
Die Standortentscheidung wurde, so viel ist klar, der Stadt von der
Westspiel "aufs Auge gedrückt" aber kann es denn wahr sein, dass die
Westspiel die Leitlinien Duisburger Stadtentwicklungspolitik bestimmen
darf? Hat sich irgend jemand mal die Mühe gemacht, die äußerst windigen
Argumentation für die Standortentscheidung kritisch zu hinterfragen? Es
fallen einem dabei ad hoc so viele ungeklärte Punkte auf, dass einem die
Haare zu Berge stehen...(bei Interesse bin ich gerne bereit, Ihnen hier
einige Beispiele zu nennen) Ich bin jedenfalls überzeugt, dass man an
einem anderen Standort die selbe Investitionsmasse mit mehr Effekt für
eine nachhaltige Stadtentwicklung umsetzen und gleichzeitig noch Geld
für die Stadt sparen kann, in dem man die zweifelsohne funktionierende
Halle erhält und im Besitz der Kommune belässt. Oder kann mir einer von
Ihnen erklären, warum es günstiger sein sollte, in Zukunft 3,7 Mio Euro
Jahresmiete für etwas aufbringen zu müssen, was derzeit keinen Pfennig
Miete kostet, da im Besitz der Stadt?
Dann ist da natürlich noch die Frage nach dem Denkmalschutz. Irgend
jemand, der wohl etwas vom Thema verstehen muss, hält die Mercatorhalle
für schützenswert. Nach dem "warum" wird gar nicht mehr gefragt,
stattdessen postuliert die Stadtspitze, der Denkmalschutz wäre "kein
Problem". Ist das nicht ein bisschen vermessen gegenüber denen, die
Kraft ihres Amtes und Ihrer besonderen Ausbildung ein Haus wie die
Mercatorhalle auf die Denkmalliste setzen? Die eher lustlosen Versuche
der Stadt, nachzuweisen, man habe nach Alternativen zum Erhalt gesucht,
legen eine Arroganz zu Tage, die mich ehrlich erstaunt. Auch hier finden
sich schon bei oberflächlicher Recherche eine Menge Ungereimtheiten und
viel Schludrigkeit.
Schließlich bleibt die Frage, ob denn überhaupt sichergestellt ist, dass
das Konzept des Investors aufgeht, der Neubau also tatsächlich den
gewünschten Ertrag abwirft. Was passiert, wenn das nicht eintritt? Wie
sieht die Innenstadt aus, wenn das neue "Einkaufszentrum" (das übrigens
nicht mehr Fläche, als die "Galleria" haben wird) nicht läuft, und sich
auch hier nach fünf Jahren Penny-Markt und Co. ansiedeln? Was, wenn in
Folge die eigentlichen Duisburger Innenstadt um den Sonnenwall und das
Areal
Beeck-/Münzstrasse weiter zurückfällt und dort noch mehr Läden
geschlossen werden? Bislang hat jedenfalls kein unabhängiger
Wirtschaftsprüfer das Konzept von Westspiel/Brune auf seine Machbarkeit
und ggf vorhandene Gefahren hin durchleuchtet. Man glaubt einfach den
Versprechungen der Investoren und tut so, als handele es sich um
"Untersuchungen". Der Verdacht liegt nahe, dass hier sehr leicht der
Bock zum Gärtner gemacht werden kann...
In diesem Zusammenhang bemerkenswert: Während Duisburg eine renommierte
Spielstätte mit hervorragender Akustik schließt, entsteht in Dortmund
eine völlig neue Konzerthalle mit hervorragendem Auftaktprogramm (unter
anderem Kent Nagano und die Berliner Philharmoniker). In Dortmund
reichen 800 Plätze, um das Haus wirtschaftlich zu betreiben, in Duisburg
sind 1600 Plätze der vorhanden Halle zu wenig... Habe ich beim Rechnen
in der Schule nicht aufgepasst, oder kann es sein, dass
Wirtschaftlichkeit außer vom Gebäude vielleicht auch noch vom Marketing
abhängt? In jedem Fall verlieren die Duisburger ohne eigene Spielstätte
zuerst mal den Anschluss. Ob man das Versäumte nach 3 Jahren Bauzeit
wieder aufholen kann?
Eine Menge offene Fragen also, und kein Grund für blinde Euphorie. Es
bleibt zu hoffen, dass das Kultusministerium NRW den Duisburger
Stadtoberen mal den Kopf zurechtrückt und weitere Untersuchungen
fordert. Bis dahin empfehle ich den Damen und Herren die Lektüre des
"Statusberichts Baukultur" der Bundesregierung zu erhalten bei jedem
internetfähigen PC unter der URL
"http://www.bmvbw.de/architektur-baukultur/download/statusbericht_set.html""
Hier folgen die Beispiele von Herrn Stumpf, die einem die Haare zu
Berge stehen lassen:
"Ausgangssituation
Der Rat der Stadt Duisburg hat am 11.03.2002 beschlossen, die
denkmalgeschützte Mercatorhalle abreißen zu lassen und durch ein
Spielcasino mit Kongresszentrum und Shopping-Mall zu ersetzen.
Der Rat beruft sich hierbei auf §9 Abs. 2 b) des Denkmalschutzgesetzes
NRW, wonach ein Denkmal abgetragen werden kann, wenn ein überwiegendes
öffentliches Interesse dem Erhalt des Denkmals entgegensteht. Als
Begründung wird angeführt, dass
- das Vorhaben „Spielcasino“ in seiner derzeitigen konzeptionellen Form
nur am Standort Mercatorhalle realisierbar wäre,
- durch das Vorhaben erhebliche, an anderer Stelle nicht zu erzielende
wirtschaftliche Vorteile für die Stadt entstehen.
Ich halte beide Annahmen für unzutreffend und gehe vielmehr davon aus,
dass das Projekt erhebliche Gefahren für die langfristige städtebauliche
Entwicklung Duisburgs mit sich bringt.
Die breite Akzeptanz des Projekts in der Duisburger Lokalpolitik führe
ich darauf zurück, dass bislang alle wesentlichen städtebaulichen,
betriebswirtschaftlichen und kaufmännischen Untersuchungen vom Initiator
des Projekts, der Westspiel AG ohne Prüfung durch ein unabhängiges
Gutachtergremium vorgenommen wurden; mithin also – umgangssprachlich
formuliert – der Bock zum Gärtner gemacht wird.
Die Standortfrage
Um die Standortdiskussion zu verstehen, muss man sich zuerst die
Zielsetzung des Projekts „Spielcasino“ vor Augen führen: Das
Nutzungskonzept sieht vor, gehobenes Spiel mit Kongressnutzung, Hotel,
Entertainment, Dienstleistung/Büro und Einzelhandel zu kombinieren. Die
Westspiel nennt als Vorbild für diese Funktionsmix das Casino am
Potsdamer Platz in Berlin und stellt an den Standort folgende
Bedingungen:
Innenstadtlage
optimale Erreichbarkeit im 1-stündigen Einzugsbereich
sehr gute Straßenanbindung
ausreichende Stellplatzzahl
sehr gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln
kurze Wege zu weiteren Zielen in Duisburg
Diesen Anforderungen wird eine Vielzahl von verfügbaren Standorten in
der Duisburger Innenstadt gerecht, somit wäre das Projekt grundsätzlich
auch an anderer Stelle unter Erhalt des Denkmals realisierbar.
Lediglich die gewünschten Einzelhandelsnutzungen in dem geplanten
Gebäudekomplex würden von der unmittelbaren Anbindung des Standorts
Mercatorhalle an die Duisburger Einkaufszone besonders profitieren.
Einen derartigen Lagevorteil bieten jedoch auch andere, bisher noch
nicht konsequent entwickelte Orte in der Stadt (zum Beispiel im Bereich
der derzeit stark unterentwickelten Duisburger Altstadt zwischen
Steinscher Gasse, Münz- und Beeckstrasse).
Die erwarteten wirtschaftlichen Vorteile
Die Initiatoren des Konzepts gehen davon aus, dass in dem zuvor
beschriebenen Nutzungsmix ein besonders hoher Innovationsgrad liegt und
allein hierdurch der wirtschaftliche Erfolg des Konzepts bereits
gesichert ist. Insbesondere die erwarteten Synergiewirkungen sollen
hierzu beitragen.
Hier stellt sich zuerst die Frage, welche Nutzungen überhaupt
voneinander profitieren können. Es liegt auf der Hand, dass beliebige
Kombinationen von Funktionen nicht grundsätzlich synergetisch wirken
müssen.
Die „internen Synergien“
Kongressnutzungen profitieren zweifelsohne von einem gut erreichbaren
Freizeitangebot und der Nähe zu Hotels. Insofern ist die Funktionsachse
„Kongress-Casino-Hotel“ sicherlich synergetisch wirksam.
Die mögliche Vernetzung mit Einzelhandel und Dienstleistung beschränkt
sich jedoch erfahrungsgemäß auf Körperpflegebedarf und „Mitbringsel“.
Die Freizeitaktivitäten Glückspiel, Gastronomie und Entertainment sowie
Hotelerie können sich sicherlich ebenfalls wechselseitig stärken. Im
Hinblick auf das Kaufverhalten des avisierten Nutzerkreises ist eine
positive Wirkung auf den Einzelhandel aus dieser Nutzungsachse jedoch
kaum als gesichert anzunehmen. Auch ist kaum zu erwarten, dass aus dem
Kreis der „Käufer“ ein erhebliches Nutzerpotential für die
Freizeiteinrichtungen gewonnen werden kann.
Büronutzungen profitieren sicherlich kaum oder gar nicht von den
unmittelbar erreichbaren Freizeitangeboten. Das Vorhandensein von
Einkaufsmöglichkeiten ist für die geplanten Büros zwar grundsätzlich
vorteilhaft, die zu erwartenden Synergieeffekte sind jedoch gering.
Man kann somit zumindest vermuten, dass die vom Initiator
erhofften internen Synergien sich nur bei einem Teil der geplanten
Nutzungen überhaupt einstellen werden. Insbesondere unklar bleibt,
welche besonderen internen synergetischen Wirkungen die beabsichtigten
Einzelhandelsnutzungen erzeugen können. Es ist deshalb nicht
nachvollziehbar, warum die Nutzungsart „Einzelhandel“ im Hinblick auf
die internen Synergien in der Gesamtkonzeption überhaupt erforderlich
sein sollte.
Die „externen Synergien“
Als mögliche positive Auswirkung des Projekts auf die Duisburger
Innenstadt nennt der Initiator insbesondere eine „Frequenzgenerierung“,
also einen Anstieg der Besucherzahlen der Innenstadt. Zweifelsohne wird
das Projekt zumindest in den ersten Jahren seiner Existenz eine große
Zahl auswärtiger Besucher nach Duisburg locken.
Hierbei stellt sich jedoch zuerst die Frage, mit welcher Intention (und
zu welchem Zeitpunkt) die Besucher vornehmlich nach Duisburg kommen
werden. Durch seinen Schwerpunkt auf Casino-, Freizeit- und
Kongressnutzung wird das Projekt vor allem Besucher anziehen, die in
ihrer Freizeit, d.h. also am Wochenende und Abends das neue Gebäude
frequentieren; also zu einem Zeitpunkt, an dem der Einzelhandel
üblicherweise geschlossen hat. Von diesen Besuchern ist deshalb wenig
Belebung der Duisburger Innenstadt und damit geringer zusätzlicher
Umsatz für den Einzelhandel zu erwarten.
Sicherlich werden auch die im Komplex untergebrachten
Einzelhandelsnutzungen zusätzliche „Frequenz“ generieren. Das relativ
geringe Angebot (ca. 150 lfm Schaufenster) wird jedoch kaum ähnliche
Aussenwirkung erzielen, wie z.B. das CentrO Oberhausen. Es ist deshalb
nicht zu erwarten, dass Besucher aus dem östlichen Ruhrgebiet, dem Raum
Geldern oder den Niederlanden vom CentrO zum Einkaufen in die Duisburger
Innenstadt abwandern.
Der Nutzerkreis des Einzelhandelsangebots wird also vornehmlich aus
dem Nahbereich, das heißt aus Duisburg selbst kommen. Es ist relativ
unwahrscheinlich, dass aus dieser Nutzergruppe eine große Zahl von
„Laufkundschaft“ für den Casinobetrieb generiert werden kann. Die
anderen im Komplex geplanten Funktionen werden noch weniger von diesen
Nutzern profitieren.
Darüber hinaus stünde diese Nutzergruppe auch zur Verfügung, wenn in
den Komplex kein eigenes Einzelhandelsangebot integriert würde.
Es steht eher zu befürchten, dass die insbesondere in der nordwestlichen
Innenstadt (Kuhtor bis Innenhafen) zu beobachtenden Verslumungstendenzen
durch Ladenleerstand durch das neue Angebot an Einzelhandelsflächen noch
beschleunigt werden.
Fazit
Der Initiator hat keine nachvollziehbaren Unterlagen vorgelegt, die
schlüssig und zweifelsfrei darlegen können, dass der wirtschaftliche
Erfolg seiner Konzeption nur am Standort Mercatorhalle umsetzbar ist.
Insbesondere die Anordnung des Einzelhandelsteils unter einem Dach mit
den anderen Nutzungen erscheint im Hinblick auf mögliche Synergieeffekte
weder intern noch extern unmittelbar plausibel.
Es bestehen auch keine bautechnischen oder sonstigen Gründe, das
Vorhaben auf dem Gelände Mercatorhalle zu realisieren.
Schon bei oberflächlicher Betrachtung wirft das Konzept der Westspiel
eine große Anzahl ungeklärter Fragen auf.
Das öffentliche Interesse, das Konzept der Westspiel baulich umzusetzen,
kann an anderer Stelle und unter Erhalt des Denkmals realisiert werden.
Es gibt somit keinen Grund, den Abbruch des Denkmals zu gestatten."
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